Apr 16, 2009

#5: Stefan Panhans

Freitag, 17. April 2009, 24:00 Uhr
BABYLON, Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin, Großer Kinosaal
(Einritt frei | admission free)


»Glow« 2006, loop 
»Pool« 2003, 7 min
»Sieben bis Zehn Millionen« 2005, 5 min
»Who’s afraid of 40 Zimmermädchen« 2007, 35 min (...)
„Pool“ (2004) formuliert die paradoxe Anrufung des Subjekts, es selbst zu sein, und benennt damit explizit den Imperativ der Selbstoptimierung, dem auf Panhans’ Fotos alle schweigend folgen. Das zweite Video „Sieben bis Zehn Millionen“ (2005) ist der Monolog eines jener gut gestylten Konsumenten, der in seiner Paranoia hellsichtig gegenüber den Tücken des Konsums und zugleich absolut in ihm verfangen ist.

In „Glow“ (2006), dem einzigen Video dieser Serie, das ohne Text auskommt, wird die Besessenheit des Subjekts noch pointierter dargestellt. Die Person auf dem Crosstrainer, ist nicht nur bereits erschöpft und körperlich versehrt, sondern weicht, sich blitzartig duckend, imaginären Angriffen aus. Der gedämpft zu vernehmende Soundtrack auf dem i-Pod führt den Betrachter direkt in ihren Kopf und verstärkt den Eindruck, dass sie erbittert einen verzweifelten Kampf ausficht, in dem sich Verfolgungswahn und Anspruch auf Perfektionierung paaren.

Das letzte Video „Who’s afraid of 40 Zimmermädchen“ (2007) ist – emphatisch gesprochen – ein Schlüsselwerk. Wie auch in den anderen Videos, und im Unterschied zu den meisten Fotografien, ist nichts dem Zufall überlassen, vielmehr gibt sich das Setting deutlich als allegorische Darstellung zu lesen. Zwei Figuren – die männliche trägt, als leiser Anklang an Dürers Melencolia I, langes Haar – sitzen in der scheinbar „natürlichsten Natur“ bei Nacht am Feuer. Sie sind umgeben von Emblemen, neuinterpretiert als Warenfetische wie die hochpreisige Rockgitarre und die „Maglite“-Taschenlampe – man assoziiere den dazugehörigen Werbe- Slogan: ›a work of art that works‹ –, die ergänzt um einige andere Dinge sich deutlich als Attribute zu erkennen geben. Allein, es sind Allegorien ihrer Unlesbarkeit. Oder besser: sie stehen für ihre Zeichenhaftigkeit selber ein, ohne eine verborgene Bedeutung freizulegen. Panhans verbindet in diesem Video die Sinnentleerung der Allegorie mit einer Neuinterpretation des surrealistischen Automatismus im Zeichen der Obsession. Denn, was die beiden Personen im Video sagen, ist vor allem das, was sich unwillkürlich in uns spricht. Es ist allerdings weder das Unbewusste noch die Sprache selbst, sondern ein Potpourri des neuesten Infotainment. Das Gesprochene ist eingeschleust: vom Gossip aus Hollywood über den Blondinenwitz und der rezitierten Werbung für die Wellnesskur bis hin zu den Ergebnissen einer empirischen Forschung. Letztere suggerierte den titelgebenden Zimmermädchen die angeblich gesundheitsfördernde Wirkung ihrer Arbeit – ein gefundenes Fressen für alle Mentaltrainer: ›create your life‹ und sorge noch dann selbstmanipulativ für Deine Gesundheit, wenn Du als Dienstpersonal schuften musst. Damit bestätigt sich einmal mehr „Aufklärung als Massenbetrug“ und Biopolitik als Selbstkontrolle. Dass sich im Subjekt etwas auch gegen seinen Willen zur Aufführung bringt, wurde in der Tradition als göttliche Mania, Inspiration oder Paranoia gedeutet. Im Zeitalter der digitalen Kommunikation erweist sich das polyphone Sprechen mit fremden Zungen als der ungewollte Empfang von Schund, Spam und Trojanern, vor denen die Firewall anscheinend nicht mehr schützen kann. Zugleich, und das macht die Stärke des Dialoges im Video aus, haben die beiden Protagonisten ein partielles Wissen um ihre Entfremdung. Dieses äußert sich als Angst. Das leere, uneigentliche Gerede wird unterbrochen von Phasen der Luzidität, in denen aber anstelle von Selbstgewissheit eine bedrückende Unheimlichkeit Einzug erhält. Ihrer gewohnten Umgebung entrückt, wissen sie weder warum noch wo sie sind, und auch die Zeit ist aus den Fugen. Deshalb darf man unterstellen, dass die uniformierte weibliche Figur den Apfel, nach dem sie mehrfach verlangt, zumindest unbewusst vom Baum der Erkenntnis zu pflücken erhofft.

aus »Echos aus Malls«, Kathrin Bush in »Stefan Panhans – Who is afraid of 40 Zimmermädchen« , Katalog Kunsthaus Hamburg, 2008.