Friday, December 16th, 2011, 24:00 | 12 p.m.
BABYLON, Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin, big cinema hall
(Eintritt frei | admission free)

BAADER IN LEIPZIG (1989)
HEROLD, Jörg zusammen mit Matthias BAADER Holst, 4 min., s/w
(courtesy Galerie Eigen + Art, Leipzig und Berlin)
BRIEFE AN DIE JUGEND DES JAHRES "2017"
DDR 1990, R: Erich Maas, 45 min.
(courtesy Ex.Oriente.Lux, Experimental Filmarchiv Ost)
Nach einer Lesung und einer versumpften Nacht lief Matthias BAADER Holst 28jährig in eine Straßenbahn und starb am 30. Juni 1990, rechtzeitig vor der Währungsunion. Freunde BAADERs sahen seinen Tod als programmatischen Abgang, als konsequente Reaktion auf die Vereinnahmung seiner alten Lebenswelt und die BRDigung des DDR-Untergrunds. Der Schriftsteller, Punkmusiker (Die letzten Recken, Frigitte Hodenhorst Mundschenk) und Aktionist erlangte zu Lebzeiten nur in bestimmten Kreisen Kultstatus. Mit dem etablierten Untergrund wollten BAADER und sein Freund Peter Wawerzinek nichts zu tun haben, und so tourten die beiden durch die Republik, traten auf bei Hochzeitsfeiern, Parties... : Das Interesse war immer so: Statt gegrillte Bockwurst kommt jetzt Lyrik.
“BAADER Holst sprach den Kommentar bei diesem Film [BAADER IN LEIPZIG] zu den laufenden Szenen ein und beließ es bei einem einzigen Versuch. Er parodierte die Leere der Propagandaformeln der DDR, die nicht mehr viel im Jahre 1989 bedeuteten. Der Aufbau des Filmes orientierte sich an den in der DDR häufig im Sprach- bzw. Staatsbürgerkundeunterricht genutzten Materialien zum Thema ”Stadtrundfahrt” oder ”Leistungen des Aufbaus". Die Folge der Szenen ist nicht zwingend. Erst die Stimme von BAADER Holst haucht den einzelnen Orten und Gegenständen ironisch Leben ein. (...) Er reagierte situativ auf bestimmte Räume, Stimmungen und Klänge, die authentische Aktivität erschien ihm wichtiger als das Resultat.” (Franz Eckart in “Gegenbilder”, S. 119)
Der Film BRIEFE AN DIE JUGEND DES JAHRES "2017", der kurz vor Baaders Tod entstand, ist ein wenig wie das Leben seines Protagonisten selbst: Wild, punkig, verstörend: Erich Maas hat ihn mit einer verwackelten VHS-Kamera aufgenommen, schlecht geschnitten und erinnert an die dänischen Dogma-Filme. Die Bilder sind teilweise unscharf, wie auch der Ton. Eigentlich ist der Film nie so richtig fertig geworden. Das Schauen ist stellenweise anstrengend, aber letztlich wird man belohnt – nicht zuletzt durch den Satz - DER Satz in einer unendlichen Folge von Satzungetümen, deren Entschlüsselungsversuche man nach einer Weile aufgibt: ICH SPRECHE EINE SPRACHE, VOR DER ICH KEINE ANGST HABE.
Ausdrücklichen Dank an die Initiatoren des screenings: Peter Lang und Moritz Götze.

